LEBEN BIS ZULETZT

Ambulante Sterbebegleitung in Spandau

Das Johannes-Hospiz e.V. ist ein ambulanter Hospizdienst. Zu uns gehören Menschen aus unterschiedlichen Erfahrungsbereichen, die für die Sterbebegleitung geschult sind. Unsere Mitarbeiter tun diesen Dienst ehrenamtlich und kostenlos.

Auf dieser Seite finden Sie aktuelle Berichte aus der Arbeit im ambulanten Hospizdienst, Nachrichten und Informationen zu Veranstaltungen.

Aktuelle Nachrichten

Wussten Sie schon, dass das Johannes Hospiz nominiert ist für den Deutschen Engagementpreis 2013? Drücken Sie uns und unseren vielen ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern die Daumen und voten Sie mit uns, wenn es soweit ist.

Einen schönen Sommer wünscht Ihnen Christine Knop (Koordinatorin)

Christine Knop

Hospiz macht Schule
so dass bundesweite Projekt, das Grundschulkindern das Thema Tod, Sterben und Abschied näher bringen soll. Mutig haben wir uns daran gemacht, dieses Projekt in der ersten Spandauer Schule, der Lindengrundschule umzusetzen. Hilfreich war, dass die Religionslehrerin Gabriele Gehrmann eine ehrenamtliche Mitarbeiterin des ambulanten Johannes – Hospiz ist und wir alle Schritte gut planen konnten. Unser Team war vom Moment meiner Anfrage an hochmotiviert. Dr. Burkhard Hochheimer, ehemaliger Chefarzt des Wichernkrankenhaus, Marc Cotta, Bestatter, Martin Stoelzel – Rhoden, Seelsorger im Evangelischen Johannesstift und ich, Koordinatorin des Johannes – Hospizes waren auf alles vorbereitet. Mit dem Buch „Oskar und die Dame in Rosa“  bekamen die Schüler der Religionsklasse einen Einblick in das Leben und Sterben des kleinen Oskars, der an Leukämie erkrankt ist. So entstanden Fragen, ob Krebs ansteckend, ob die Asche eines Menschen in einen Sarg geschüttet würde und ob Herr Dr. Hochheimer seine Doktorarbeit denn auch wirklich selbst geschrieben habe! Es wurde gelacht und auch geweint. Den einen  oder anderen Schicksalsschlag haben diese Kinder in ihren jungen Jahren schon erlebt und  zaghaft wurde uns erlaubt tröstend zu sein. Einige der Mädchen und Jungen erzählten ihre Geschichten von selbst. Ganz gleich ob der Tod der Katze oder der des Vaters betrauert wurden, sie waren in unserer neu entstandenen kleinen Gemeinschaft gehalten und wahrgenommen. Ein Junge zog einen Brief aus dem Ranzen und gab ihn mir zu lesen.  Er hatte ihn an den lieben Gott geschrieben. Dies war eine Hausaufgabe, die die Lehrerin den Schülern zur Vorbereitung unseres Projektes aufgegeben hatte.  Er schrieb: „Ich weiß nicht, ob ich traurig oder fröhlich bin,  doch ich wünsche mir so sehr, dass Hertha BSC mal wieder gewinnt.“ Dieser Junge hatte seinen Vater vor einem Jahr verloren. Nach einer kleinen Pause erzählte ich etwas über die Entstehung der Tränen und wo diese in der Musik und in der Literatur vorkommen. Auch das Trauerkörbchen regte das Interesse der Kinder an. In dieses Körbchen werden Dinge gelegt, die an den oder die  Verstorbene erinnern. Das kann der erste Euro der Omi, eine Stricknadel, ein Kuscheltier  oder eine Geburtstagskarte sein. Das Erstellen eines Trauerkörbchens motiviert die Kinder sich mit dem Tod der oder des Verstorbenen auseinander zu setzen und über gemeinsames Erleben  zu sprechen. Meine Erfahrungen zeigen, dass nicht nur Kinder dies als eine Hilfe empfinden. Selbst ich hatte, nach dem mein Körbchen einige Jahre im Schrank gestanden hatte, und ich es nun den Kindern vorstellen durfte,  das Gefühl wieder Kind zu sein, mit kindlicher Trauer, Aufmerksamkeit und Verletzlichkeit. Ein längst vergessenes Gefühl. 


Hertha BSC – ein Herz für das Johannes - Hospiz
von Christine Knop (Koordinatorin)


„Einmal noch in der Fankurve beim Hertha BSC Spiel sitzen, ist mein größter Wunsch!“ Ist doch kein Problem sich eine Eintrittskarte zu kaufen, dachte ich mir, bevor ich Christian K. 42 Jahre, kurz vor Weihnachten kennenlernte.  Als ich dann in meinem Beruf als Koordinatorin des ambulanten Johannes Hospizes vor ihm saß, wusste ich sofort, was er mir mit seinem Wunsch sagen wollte. Vor mir saß ein sterbender, junger Mann, dem die Zeit weglaufen würde, wenn ich nicht sofort reagierte. Seit Jahrzehnten ein großer Fan, verfolgt Christian das Auf und Ab „seines“ Vereines Hertha BSC. Mit Hilfe der persönlichen Kontakte unseres Vorsitzenden Martin Stoelzel  und der empathischen  Reaktion von Marco Wurzbacher, Gründer des ersten Internet Portals Hertha-Inside, und Kandidat für das Präsidialamt lagen bald darauf  zwischen Medikamenten, Morphium und anderen Hilfsmittel zwei Ehrenkarten für das Spiel Hertha BSC gegen Union am 11. Februar 2013. Mit Bedenken betrachteten wir jeden Tag, der ihm bis zum 11. als Geschenk gegeben wurde.  Zu unsicher war sein Gesundheitszustand. Einmal verließ mich der Mut. Würden wir es schaffen in der Kälte des Februars diese Aktion durchzuführen? Allein der Satz der Ehefrau Birgit, die mit klaren Worten ausdrückte, was seine Augen sagten: Ich lebe für diesen Abend; wies mich in meine Schranken. Alle Fragen, was zieh ich bei dieser Kälte an? Warum genieße ich nicht meinen Feierabend nach einem langen Arbeitstag auf der Couch? Ob wir ohne Eintrittskarten überhaupt ins Stadion eingelassen werden? Oder, oder, oder. Heute, zwei Wochen nach „dem Ereignis“ weiß ich, dass sich der Aufwand gelohnt hat und alles Ausreden waren.
Letzter Check und Telefonat mit der Ärztin und Psychoonkologin am Morgen des 11.2. Mit Bedarfsmedikamenten und warm eingepackt könne das alles gut gehen. „Und wenn er während des Fußballspieles verstirbt?“ „Dann wird es für ihn in einer der erfülltesten Situationen seines Lebens geschehen“, so die Psychologin.  Selbst in warme Kleidung gehüllt, klingelten wir am Abend an die Tür des Quellenhofes bei der Wohngruppe vier um uns einen Bus mit Laderampe für einen Rollstuhl zu borgen. Die Kinder, die gerade beim Abendessen waren, beneideten uns um die Karten und wollten mit. Von der Behindertenhilfe wurden uns keine Steine in den Weg gelegt, obwohl…. Wie bedient man eigentlich  eine Laderampe? Pünktlich um 19.00 Uhr holten wir, Martin Stoelzel und ich,  Christian und seine Frau ab, die schon aufgeregt auf uns warteten. Das Stadion mit 75.000 Plätzen komplett ausverkauft bedeutete Menschenmassen und keine Parkplätze. Als ob der liebe Gott seine Hände über unser kleines Grüppchen Menschen gehalten hätte, wurden wir an den unzähligen Polizeiautos vorbei zu einem Parkplatz direkt am Eingang des Stadions geleitet.
Fans, jubelnd, in bester Stimmung, mit roten Wangen, blau weiß geschmückt, nahmen uns für eine kurze Weile das Schieben des Rollstuhls durch den Schnee ab: „Lassen sie uns mal machen.“ Auch standen sie Spalier, als sie sahen, wie gezeichnet Christian K. durch seine schwere Krankheit war. An den Kassen mussten wir nichts sagen, niemand zwang uns zu Notlügen oder zu großen Erklärungen, die wir uns zurecht gelegt hatten.
Nein, ich bin kein Fußballfan!!! Die Stimmung und die Aufregung nahmen uns in unseren Bann. Wir schoben den Rollstuhl mit dem in viele Decken eingepackten Christian auf den für Rollstühle vorgesehenen Platz oberhalb der Fankurve. Von hier aus konnten wir das Spielfeld in seiner ganzen Größe übersehen. Unter uns, rechts und links tobten die Fans, so dass es uns kaum möglich war unser eigenes Wort zu verstehen. Christian weinte! Seine Frau weinte! Wir weinten! In diesem geballten Freudentaumel standen vier Menschen und weinten.
Hertha hat gegen Union 2:2 gespielt und wir haben mit gefiebert. Kaum Ahnung von Fußball, haben wir uns mittragen lassen und die Welt um uns herum vergessen. In den Jubel, wenn ein Tor für Hertha, in die Klage wenn ein Tor für die Union gefallen ist, machte es uns keine Mühe einzustimmen. Der Tod und das Sterben spielte keine Rolle mehr und wir waren alle vier einfach nur glücklich. 
Am glücklichsten war Christian K., der zitternd vor Kälte diesen Abend durchgestanden hat und auf dem Weg nach Hause schon einmal angerufen hat, um einen heißen Pfefferminztee zu bestellen.
Äußerlich durchgefroren, innerlich jedoch mit einer bleibenden Wärme erfüllt, die noch heute spürbar ist, bin ich jetzt und heute sicher, dass der liebe Gott „mitgespielt“ hat.